Ein guter Wein hat immer auch ein gutes Etikett – eine realitätsnahe ABC-Übung auch!

Ein Beitrag aus dem Symposium „ABC-Gefahren“

Jeder, der schon mal eine ABC-Übungausgearbeitet hat, kennt das Problem: Welche Substanzen sollen bei der Lage vorgefunden werden? Wie kann ich das möglichst realistisch kenntlich machen? Für nicht beruflich mit der Chemie befasste Feuerwehrangehörige ist es kaum oder nur mit erheblichem Aufwand möglich die nötigen Informationen zusammenzutragen. Als Resultat sind viele Übungen zwar mit viel Engagement vorbereitet worden, sind aber nicht realitätsgetreu.

Dieser Artikel soll Materialien und Tipps vorstellen, mit denen jeder Feuerwehrangehörige Gefahrstoffunfälle in Lägern, Laboren oder Produktionsstätten realitätsnah simulieren kann. Dazu schlagen wir einen 4-Punkteplan vor und stellen mehr als 35, nach einer Vorlage der chemischen Industrie erstellten, Gefahrstoffetiketten zur Verfügung.

Ausarbeitung der Übung:

  1. Wo?

Die größten Auswirkungen auf die Gestaltung der Übung hat der angenommene Übungsort. Soll das Ereignis in einem metallverarbeitenden Betrieb (wie z.B. eine Galvanik) oder in einem Labor stattgefunden haben? Diese Entscheidung verändert nicht nur die Art der anzutreffenden Chemikalien, sondern auch deren Menge signifikant. Es wurden vier verschiedene Schauplätze (Galvanik bzw. metallverarbeitender Betrieb, Kunststoffindustrie, chemische Industrie und Labore) vorkonfiguriert. Natürlich findet man in einem chemischen Labor meist weder IBCs noch Fässer, dafür aber meist eine größere Anzahl von Flaschen oder Kanistern mit Chemikalien. In der Industrie ist es eher umgekehrt, wobei hier trotzdem auch kleinere Gebinde wie Flaschen und Kanister angetroffen werden können.

  1. Welche Chemikalien?

Für die vier Schauplatzkategorien steht eine Liste mit Chemikalien, die typischerweise dort zu finden sind, bereit. Bei der Auswahl dieser Chemikalien gilt: Weniger ist mehr! Es gilt nicht, den möglichst tödlichsten Cocktail von hochreaktiven und ineinander laufenden Substanzen zu schaffen, sondern realistisch zu bleiben. Da ist es viel effektiver sehr viele Behälter mit Substanzen anzubieten, von denen aber nur wenige leck geschlagen sind, sodass zunächst eine umfangreiche Sichtung erfolgen muss. Es gibt in Betrieben und Laboren auch häufig mehrere Behälter mit gleichem Inhalt.

Zu Reaktionen der gelagerten Substanzen untereinander gilt die Faustregel: Was gefährlich miteinander reagiert wird im Regelfall weder zusammen gelagert noch transportiert.

  1. Nutzung der Etiketten

Generell gilt: Der Anwender haftet für die richtige Verwendung der Etiketten! Diese sollten unmittelbar nach der Übung entfernt werden, um ungewollte Folgeeinsätze zu vermeiden.

Die Etiketten wurden getreu einer Vorlage aus der chemischen Industrie gestaltet. Es sind also alle vorgeschriebenen Elemente für ein Gefahrstoffetikett (man beachte den Unterschied zwischen Gefahrgut und Gefahrstoff) enthalten, jedoch kann die Anordnung dieser Elemente in der Realität von Unternehmen zu Unternehmen variieren. Und da die tägliche Arbeit mit den Behältnissen andere Informationen erfordert als beim Einsatz der Feuerwehr, liegt der Fokus der Chemikalienhersteller bei der Erstellung der Etiketten häufig nicht auf der guten Sichtbarkeit der UN-Nummer: Man muss sie sich zwischen vielen anderen Informationen heraussuchen und das will geübt sein! Außerdem sollte jeder wissen, dass es auch Gefahrstoffe gibt, die über keine UN-Nummer verfügen. Forschungschemikalien, wie man sie in Laboren finden würde . In solchen Fällen greift aber die CAS-Nummer (CAS: Chemical Abstract System- die Chemikalien Registrierungsdatenbank der American Chemical Society) – das ist quasi der Fingerabdruck einer Substanz, da es sie spezifisch für jede Substanz gibt. Das Eingeben der CAS-Nummer oder der EG-Nummer in eine Suchmaschine liefert in der Regel sofort das zugehörige Sicherheitsdatenblatt.

Bei der Erstellung der Gefahrstoffetiketten war es leider nicht möglich für jede Behältergröße ein eigenes Etikett zu erstellen. Es darf aber gerne durch handschriftliche Korrekturen von den eingetragenen Gebindegrößen abgewichen werden. Während man in Industriebetrieben auf viele große Behälter und nur wenige Flaschen oder Kanister stößt, findet man in Laboren meist nur Flaschen und Kanister.

  1. Welches Szenario?

Hier ist erlaubt, was gefällt – vom Unfall beim Umfüllen mit Auslaufen von wenigen Litern Substanz bis zum Zusammenbruch eines Hochregals. „Klassiker“ sind auch das Durchbohren von Behältern mit der Gabelstaplerzinke sowie das Herabfallen vom Gabelstapler. Die Beschädigungen der Gebinde sind natürlich dem angenommenen Szenario anzupassen. Sollte man nicht auf Chemikalienflaschen oder Kanister zurückgreifen können, lohnt sich oft ein vertrauensvoller Anruf im nächstgelegenen chemischen Betrieb, der Apotheke oder Universität.

Wenn man nun weiß, welche Substanzen ausgetreten sein sollen, kann man sich an die Nachbildung machen. Hierzu gibt es eine Anleitung, die mit den Etiketten heruntergeladen werden kann und mit der man die zuvor z.B. bei Wikipedia recherchierte Erscheinungsform der Substanz imitieren kann. Für Feststoffe wird dazu einfach gemahlene Straßenmalkreide mit z.B. Zucker vermischt und mit Wasser die optimale Körnigkeit eingestellt. Bei flüssigen Substanzen ist wichtig, dass die Oberflächenspannung verändert wird, sobald es sich weder um Fluss- noch um Salz-, Salpeter- oder Schwefelsäure handelt. Denn das menschliche Auge erkennt Wasser sofort an der Form der Tropfen (welche durch die Oberflächenspannung bestimmt wird). Um mit Substanzen zu üben, die einen „unnormalen“ Eindruck erwecken, muss man nur ein wenig Spülmittel zugeben – wenige Milliliter reichen schon für einen gefüllten IBC. Die Tropfen werden sich dann, wie für z.B. Lösungsmittel üblich, breit statt tropfenförmig-rund über die Oberflächen verteilen. Die meisten Lösungsmittel sind nicht farbig, allerdings sind daraus hergestellte technische Produkte zur Produktlinienkennzeichnung eingefärbt.

Eine Sammlung mit Übungsetiketten, eine Anweisung zur Verwendung und eine Übersicht „Vorkommen der Substanzen“ ist in einer zip-Datei zusammengefasst. Die Datei ist hier abgelegt oder direkt zu erreichen

Symposium ABC-Gefahren

Kaus Ehrmann, Stephan Vogt, Jörg Koschig

2 Comments

  1. Dr. Hartwig Lohse (Fachberater LZ-G Steinburg)

    Eine tolle Hilfe, es ist in der Tat nicht einfach bzw. nur mit Aufwand möglich Etiketten selbst zu „basteln“. Leider fehlen (z.T. ich habe mir noch nicht alle 40 Etiketten daraufhin angesesen) die „Signalwörter“. Auch würde ich mir bei den Angaben zum Gebinde Angaben zum Verpackungsmaterial (Kunststoff (welcher wenn nicht PE), Stahl, Glas, etc.) wünschen. Das ist bei der Auswahl einer geeigneten Havarieverpackung hilfreich, da man in der Regel davon ausgehen kann, dass ein Inverkehrbringer sein produkt in einem zugelassenen, geeigneten Gebinde verpackt; man brauch dann an der Einsatzstelle nicht die Eignung der verschiedenen Verpackungsmaterialien zu prüfen, sondern kann sich zunächst auf das, vom Inverkehrbringer verwendete Material, wenn man denn ein entsprechendes Havariegefäß zur Verfügung hat beschränken.
    Ein Hinweis noch: Auf dem Etikett ist eine Mengenangabe, diese sollte vom Ausarbeiter der Übung bei der Wahl des Gebindes berücksichtigt werden.

  2. Stephan Vogt

    Hallo Herr Dr. Lohse (bzw. Hartwig, wenn’s ok ist),
    Danke für die Hinweise, wir sind immer dankbar für Verbesserungsvorschläge. Vor allem die Idee, mit den Verpackungsmaterialien ist gut, das werden wir in Zukunft als optionale Möglichkeit anbieten (betont nur optional, da es für einige Feuerwehren generell schon mal schwierig ist überhaupt an passende Behälter zu kommen). Die Signalwörter findest Du vor den H- und P-Sätzen stehend, wie von den meisten mir geläufigen Chemikalienherstellern/Inverkehrbringern praktiziert.
    Vielleicht können wir uns aber generell auch mal austauschen welche Einsatz-/Übungshilfen für die Zukunft interessant wären. Für solche Ideen sind wir beim Symposium „ABC-Gefahren“ immer offen 🙂
    Viele Grüße
    Stephan

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