Eintritt einer Notfallsituation im CBRN Einsatz – Wie handeln wir zeitnah und patientenschonend?

Mit dieser Frage beschäftigte sich der Fachbereich Sicherheitstechnik der Bergischen Universität Wuppertal in Form einer Bachelor Thesis. In diesem Rahmen wurden erstmalig wissenschaftliche Feldversuche und Schwachstellenanalysen zu dieser schwierigen Thematik durchgeführt.

In jedem CBNR – Einsatzszenario besteht das potenzielle Risiko einer Notfallsituation unter den eigenen Einsatzkräften. Aus diesem Aspekt wird in den Feuerwehrdienstvorschriften (FwDV) 7 („Atemschutz“) und 500 („Die Feuerwehr im ABC Einsatz) der Einsatz eines Sicherungstrupps (SiTr) gefordert. Über diese Forderung hinaus, lassen sich in der Fachliteratur jedoch keine Empfehlungen oder Forderungen zum Vorgehen finden.

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Um dieses Defizit für die Zukunft minimieren oder beseitigen zu können, wurden in der Bachelor Thesis verschiedene auf dem Markt erhältliche Transportmittel (Bandschlinge, CSA-Wanne, Faltschleiftrage, DIN – Krankentrage, DIN – Steckleiterteil, Rettungsmulde Typ Dortmund, Rettungstuch Fa. Isotemp, Schaufeltrage, Schleifkorbtrage und Spineboard) sowie der notwendige personelle Ansatz eines SiTr untersucht. In vier, nach einem Siebprinzip basierenden, Teststufen erfolgte ein Vergleich der Leistungsmerkmale und -anforderungen. Zunächst wurde in Form von Herstellerangaben unter der Annahme, dass eine Umlagerung des Verunfallten außerhalb einer chemischen Lache stattfindet die Beständigkeit geprüft. Hierbei erwiesen sich alle Transportmittel als geeignet. Im Untersuchungsfeld der geometrischen Bemaßung, der sicheren Fixierung sowie dem Handling unter Chemikalien- und Schnittschutzhandschuhen ergaben sich teilweise erhebliche Differenzen in den Leistungsmerkmalen. Lediglich Faltschleiftrage, Rettungsmulde Typ Dortmund, Rettungstuch Fa. Isotemp und Schleifkorbtrage konnten die im Voraus festgelegten Leistungsanforderungen erfüllen. Genannte Transportmittel wurden in die Teststufen III und IV fortführend untersucht. Hier wurde auf dem Gelände der Berufsfeuerwehr Wuppertal eine große Feldstudie mit über 100 Probanden aus diversen Feuerwehren Deutschlands durchgeführt. Innerhalb dieser Teststufen erfolgte die Untersuchung der Leistungsmerkmale bei diversen Einsatzszenarien. So erfolgte in der Teststufe III die Rettung von einer Straße (eben Fläche), in der vierten Teststufe die Rettung aus einem Kellerbereich (Rettung Treppe auf) und die Rettung aus dem ersten Obergeschoss (Rettung Treppe abwärts). Um neben den Beanspruchungen des SiTr (3er und 4er SiTr) die einwirkenden Belastungen auf den verunfallten CSA – Träger untersuchen zu können, wurde in drei von vier Versuchen ein lebendiger Proband eingesetzt. Es bestand zu jedem Zeitpunkt optischer und akustischer Kontakt, so dass ein Abbruch jederzeit möglich gewesen wäre.

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Ergebnisse:

1. Transportmittel:

Es kann definitiv formuliert werden, dass unter den betrachteten Transportmitteln keine Ideallösung vorhanden war. Lediglich die Schleifkorbtrage erreichte in der Gesamtbetrachtung eine gute Bewertung. Hier ergab sich im Gesamtdurchschnitt eine gute Bewertung im Bereich der zeitnahen sowie patientenschonenden Rettung. Es kann detaillierter aufgeführt werden, dass die Schleifkorbtrage das einzige Transportmittel darstellte, welches eine ansatzweise Stabilisierung der Wirbelsäule aufzeigte. Die Rettungsmulde erreichte zwar ebenfalls eine gute Bewertung im Bereich der zeitnahen Rettung, konnte aber unter dem Betrachtungsfeld der Patientenschonung nur als mangelhaft eingestuft werden (ausreichende Gesamtbewertung). Die Faltschleiftrage sowie das Rettungstuch erreichten eine befriedigende Gesamtbewertung.

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2. Personalansatz

Aus den ermittelten physiologischen Werten der jeweiligen Probanden sowie den subjektiven Interviews ergab sich ein klarer Vorteil zu Gunsten des Sicherungstrupps bestehend aus vier Einsatzkräften. In engen Räumen kann dieser Kräfteansatz jedoch auch zu Zeitverzögerungen während der Rettungsmaßnahmen führen. Hier ist eine gute Kommunikation in der Ausbildung zu schulen und zu trainieren. Es zeigte sich innerhalb der Feldstudie das beim Verladen und Verpacken des verunfallten CSA – Trägers (Annahme: circa 70 kg Eigengewicht) ein Personalansatz von zwei bis drei Einsatzkräften als ausreichend anzusehen ist. Die Notwendigkeit von vier Einsatzkräften ergibt sich aus den Belastungen während des Transportes. Besonders auf langen oder unebenen Wegen erhöht sich diese für das jeweilige Truppmitglied.

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3. Optimierungen

Die Feldversuche ergaben durch erkennbare Unterschiede im Kenntnisstand zur CSA-Notfallrettung, dass eine einheitliche fortlaufende Ausbildung innerhalb der FwDV 2 von Nöten ist. Nur durch die detaillierte Aufführung von Stundenanzahl und Lehrinhalt kann ein bestimmter Grad an einheitlichem Basiswissen gewährleistet werden. Fortführend wurde ersichtlich, dass während des Verladens oder Transportes der medizinische Aspekt nur geringfügig beachtet wurde. Die Einsatzkräfte sind hier innerhalb der fortlaufenden Ausbildung besonders hinsichtlich der Stabilisierung des Verunfalltenkörpers zu schulen.

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Ein weiterer Optimierungsaspekt sind „leichtere“ CSA. Bei entsprechenden Lagen ist der SiTr ggf. auch nachträglich in seiner Schutzform zu reduzieren. Der Einsatz eines „leichten“ CSA minimiert die Belastungen des Trägers durch die Schutzbekleidung und ermöglicht eine höhere Leistung. Hierzu wurde mit guten Ergebnissen der ProTychem® IIF in der Versuchsreihe getestet.
Zusammengefasst ergaben sich bei der Untersuchung Erkenntnisse, die als Grundlage zur weiteren Forschung dienen sollte.

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2 Comments

  1. Solgull

    Vielen Dank für den Beitrag.
    Leider ist es (hier) schon schwierig den Sicherheitstrupp innerhalb der normalen Ausbildung zum Atemschutzgeräteträger zu etablieren. Dabei sind es vor allem die älteren Führungskräfte, die einen echten Sicherheitstrupp nicht für notwendig erhalten. Daher wird oft ein Reservetrupp als ausreichend angesehen.
    Bei ABC/CSA Ausbildung, Übung und Einsätzen wird daher immer nur ein Reservetrupp ohne weitere Ausbildung oder Ausrüstung vorgehalten. Vielleicht nützt dieser Beitrag den Verantwortlichen die Augen zu öffnen.

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